Sportmedizinische Leistungsdiagnostik mit der VarioCAM® HD head 880
Wissenschaftler der Abteilung Sportmedizin, Prävention und Rehabilitation des Instituts für Sportwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität (JGU) Mainz konnten in ihren neuesten Forschungsarbeiten zeigen, wie Infrarot-Thermografie und künstliche Intelligenz (KI) dabei helfen, physiologische Reaktionen auf körperliche Belastung besser zu verstehen. Mit den entwickelten Analysemethoden wie StereoThermoLegs und ThermoNet lassen sich in Thermogrammen typische Wärmeverteilungsmuster automatisch auswerten, um Temperaturveränderungen an den Beinen während des Laufens oder Radfahrens präzise zu erfassen.
In der Sportmedizin gewinnt die Thermografie als nichtinvasive Messmethode zunehmend an Bedeutung. Im Rahmen einer Studie haben die Wissenschaftler der JGU Mainz das Potenzial und die Anwendbarkeit des Verfahrens für Messungen in verschiedenen Belastungsszenarien der Leistungsphysiologie untersucht. Bei den Untersuchungen fand die Arbeitsgruppe um Dr. Barlo Hillen auf der gesamten Körperoberfläche vor allem ein Wärmeverteilungsmuster der arteriellen Perforansgefäße. Bereits in anderen wissenschaftlichen Studien wurden bei Messungen unter Belastung „hyperthermischen Flecken“ bzw. „thermische kinetische Muster“ festgestellt, doch die Ergebnisse waren aufgrund unterschiedlicher Kamerasysteme und abweichender Analysestrategien nur eingeschränkt vergleichbar.
Johannes Gutenberg Universität Mainz
Institut für Sportwissenschaft
Abteilung Sportmedizin, Prävention und Rehabilitation
Dr. Hillen, B. et al.
www.sportmedizin.uni-mainz.de
Wärmebildkamera:
VarioCAM® HD head 880
Die Gruppe um Dr. Hillen führte eigene Versuche durch, welche die bisherigen Erkenntnisse bestätigen. Darüber hinaus beschreiben die Sportwissenschaftler anhand von Messungen unter verschiedenen körperlichen Belastungen spezifische Wärmeverteilungsmuster und wie diese mit physiologischen Anpassungen während des Trainings zusammenhängen. Für die Temperaturmessungen auf der Haut setzten die Wissenschaftler eine VarioCAM® HD head 880 ein, mit deren Hilfe verschiedene „regions of interest“ (ROI) – am ganzen Körper, vor allem aber die unteren und oberen Extremitäten – bei unterschiedlichen Belastungsszenarien untersucht wurden. Erstmals konnte damit auch Blutgefäß-assoziierte Wärmeverteilungsmuster mithilfe von KI-Methoden ausgewertet werden.
Beim Ausdauertraining mit konstanter Belastung wurde anfangs – wie in anderen Studien auch – eine sinkende Hauttemperatur festgestellt, die in den oberen Gliedmaßen besonders stark ausfiel. Nach einer Weile stabilisierte sich die Temperatur und stieg wieder leicht an. Erst nach dem Training erwärmte sich die Haut deutlich. Dieser Temperaturanstieg kann mit der Entwicklung der Hauttemperaturmuster in Verbindung gebracht werden, die bei verschiedenen Arten des Ausdauertrainings am gesamten Körper festzustellen sind.
Bei ansteigender Belastung bis zur Erschöpfung (inkrementelle Belastungstests) wurden bisher zum Teil widersprüchliche Ergebnisse beobachtet. In eigenen Versuchen konnten Dr. Hillen und seine Mitstreiter eine Abhängigkeit der Temperaturänderung von den untersuchten ROI nachweisen. Der anfängliche Temperaturabfall war stärker als beim Ausdauertraining und zeigte einen deutlichen Zusammenhang mit der Trainingsintensität. Am Ende der Versuche waren wieder die typischen Hauttemperaturmuster zu beobachten.
Noch deutlicher als bei den inkrementellen Belastungstests treten Unterschiede beim Widerstandstraining zutage. Bei diesen Tests, die weniger als 10 Minuten dauern und einem typischen Protokoll folgen, zeigen manche Studien, dass die Hauttemperatur über der beanspruchten Muskulatur steigt, andere, dass sie sinkt. Hierbei spielt nicht nur die ROI, sondern auch das Trainingsniveau der Probanden eine Rolle. Über spezifische Hauttemperaturmuster beim Widerstandstraining wurde in der Literatur bisher nichts berichtet. Die Arbeitsgruppe führte zwei eigene Versuche durch, ohne jedoch eindeutige Aussagen zur Unterscheidung der Belastungsintensität treffen zu können. Allerdings zeigten sich auch bei diesen Versuchen Hauttemperaturmuster, die sich von denen beim Ausdauer- oder Belastungstraining unterschieden.
Die Abnahme der Hauttemperatur beim Ausdauer- und Belastungstraining führen die Wissenschaftler auf die durch den Sympathikus gesteuerte Verengung der Blutgefäße in der Haut zurück. Es also wird angenommen, dass die thermografische Messung der Hauttemperatur vor allem die Veränderungen in der Weit- und Engstellung der Blutgefäße („vasomotorischen Anpassungen“) abbildet und weniger die Veränderungen, die durch Schwitzen (Verdunstung) entstehen. Das liegt daran, dass der Körper zu einem erheblichen Anteil auch durch die Weit- oder Engstellung der Blutgefäße die Körperkerntemperatur reguliert, anstatt sofort durch Schwitzen zu reagieren.
Deshalb ist die Thermografie besonders gut geeignet, die Veränderungen in der Blutgefäßregulation zu Beginn der körperlichen Anstrengung und bei steigender Belastungsintensität festzustellen – und das, ohne stark durch Schwitzen beeinflusst zu werden. Dass sich bei zunehmender Belastung ein bestimmtes, immer deutlicher werdendes Muster in den Blutgefäßen zeigt, unterstützt diese Annahme.
Mit steigender Körperkerntemperatur gibt der Körper zunehmend Wärme an die Umgebung ab, um sich abzukühlen. Die „baumartige“ Struktur, welche die Infrarot-Thermografie sichtbar macht, wird nach Ansicht der Wissenschaftler durch die zunehmende Weitstellung und Reperfusion (die Wiederherstellung des Blutflusses) der kutanen arteriellen Perforansgefäße* verursacht.
* Perforansgefäße sind Äste von tieferliegenden Blutgefäßen, die die Faszie durchbrechen, um die darüber liegenden Gewebeschichten wie Haut und Unterhautfettgewebe zu versorgen
